Barrierefreiheit in der Praxis: Barrierefreie Websites

Silhuette eines Baumes vor rötlich gefärbtem Himmel

Nachdem wir uns im vorangegangenen Text vor allem mit theoretischen Überlegungen zum Thema Barrierefreiheit beschäftigt haben, nun zur Praxis:

Wie wird Barrierefreiheit umgesetzt bzw.: Was ist z. B. bei der Gestaltung eines Webauftritts konkret zu beachten, um Barrierefreiheit zu gewährleisten?

Barrierefreie Websites: Die 4 Prinzipien der WCAG

Eine gute Orientierung zur barrierefreien Gestaltung von Webauftritten bieten die 4 Prinzipien der WCAG(1). Diese lauten im einzelnen:

  1. Perceivable / Wahrnehmbarkeit
  2. Operable / Bedienbarkeit
  3. Understandable / Verständlichkeit
  4. Robust / Robustheit

Die genannten 4 Prinzipien stellen allgemeine Anforderungen dar, von denen sich 13 Richtlinien, also spezifische Anforderungen ableiten, denen wiederum 78 Erfolgskriterien zugeordnet sind.

Bezogen auf die verschiedenen Bereiche, in denen Nutzer möglicherweise Einschränkungen erleben, ergeben sich ganz konkrete Maßnahmen für die Gestaltung von Webauftritten. Nachfolgend einige Beispiele, welche Maßnahmen den einzelnen Prinzipien zugeordnet werden können.

Prinzip 1: Wahrnehmbarkeit

Mögliche Einschränkung: Sehbehinderung | Blindheit | Schwerhörigkeit | Taubheit
Abhilfe: Die einzelnen Elemente des Webauftritts sind anpassbar und unterscheidbar. Dies wird beispielsweise gewährleistet durch

  • klar erkennbare Elemente bzw. Zusammenhang von Elementen
  • Farbgebung mit ausreichend hohen Kontrasten, angenehm zu lesendes Schriftbild, jeweils durch den Nutzer anpassbar
  • Verzicht auf eine Kommunikation, die ausschließlich auf Formen und Farben setzt
  • Bereitstellung von Alternativtexte für Bilder
  • Bereitstellung von Text-Alternativen bei zeitbasierten Medien, z.B. Bildbeschreibung, Transkription, Untertitel, Übersetzung in Gebärdensprache

Prinzip 2: Bedienbarkeit

Mögliche Einschränkung: motorische Einschränkungen
Abhilfe: Folgende Elemente erhöhen beispielsweise die  Bedienbarkeit einer Website

  • Bedienbarkeit über die Tastatur, gute Navigierbarkeit
  • ausreichend Zeit zur Bearbeitung (z. B. von Formularen)
  • ausreichend große Elemente (z. B. Schaltflächen), ausreichend große Abstände (z. B. zwischen Formularfeldern)
  • Verzicht auf komplexe Interaktion (z. B. keine verschachtelte Submenüs oder Formulare, in denen viel Text eingegeben werden muss)
  • Benutzerfreundlichkeit und Berücksichtigung von Nutzern mit geringer Technikaffinität

Prinzip 3: Verständlichkeit

Mögliche Einschränkung: kognitive Behinderungen | affektive Störungen | Anfallsleiden | Leseunerfahrenheit | Fremdsprachler
Abhilfe: Hier beispielhaft einige Maßnahmen, die die Verständlichkeit einer Website verbessern

  • verständlichen Sprache
  • Eingabehilfen und erklärende Hinweise, z. B. bei Formularen
  • eine leichte, verständliche Sprache und der Verzicht auf ablenkende Sekundärinhalte (z. B. Werbebanner)
  • stringente Nutzerführung, einheitliche Benennung von Elementen und klare optische Gestaltung
  • keine Belästigung (z. B. durch Flimmern in hoher Frequenz)
  • voraussehbares Verhalten der einzelnen Elemente (keine Überraschungseffekte)

Prinzip 4: Robustheit

Bei diesem Prinzip geht es um die solide technische Basis eines Webauftritts, die wiederum sicher stellt, dass die Site mit assistiven Technologien gut nutzbar ist. Hierzu zählen z. B.

  • sauberer Code
  • sequenzielle Reihenfolge der einzelnen inhaltlichen Elemente
  • Fehlerbehebung

Und wie sieht es mit der Barrierefreiheit Ihres eigenen Webauftritts aus?

Manche der oben genannten Aspekte lassen sich maschinell überprüfen, z. B. Farbkontraste, aber auch die Lesbarkeit von Texten. Andere wiederum erfordern technisches Hintergrundwissen, z. B. wenn man die semantische Struktur einer Seite beurteilen möchte. Nachfolgend einige Links zu Seiten, die einige – maschinell prüfbare – Aspekte von Barrierefreiheit testen:

Ich hoffe, Ihnen hat unser kleiner Exkurs in die Welt der Barrierefreiheit Spaß gemacht. Ich bin überzeugt, Teilhabe für alle wird unsere Gesellschaft langfristig bereichern. Denn eine vielfältige Gesellschaft, in der viele verschiedene Lösungswege möglich sind und die Nischen bietet, erzeugt weniger Druck, weniger Notwendigkeit, die  „einzig richtige Lösung“ zu finden.

Eine vielfältige Gesellschaft ist wie ein Ökosystem mit hoher Artenvielfalt: Lebendig und (über-)lebensfähig.

Fußnoten

(1) WCAG steht für Web Content Accessibility Guidelines, englisch für „Richtlinien für barrierefreie Webinhalte“ | https://www.w3.org/TR/WCAG21/