Wellenbewegung 1: die Welle schlägt ans Ufer

Taijiquan Unterricht. Yang-Bewegung: „Die Welle schlägt ans Ufer“.
Die Welle schlägt ans Ufer – schlägt sie ans Ufer wie gegen ein Hindernis? Oder rollt sie zum Strand hin aus? Hindernis würde bedeuten, die Bewegung wird durch etwas äußeres gehindert… Trifft es das? Oder rollt die Yang-Bewegung vielleicht zum Strand hin aus, weil sich ihre Kraft erschöpft?

Tatsächlich bricht die Wellenbewegung gegen den Strand an einem bestimmten Punkt – dem Maximalpunkt der Welle – ab. Aber was bestimmt diesen Maximalpunkt? Jenseits der Maximalpunktes verliert man (die Welle, der/die Taijiquan-Übende) das Gleichgewicht. Es ist Zeit umzukehren, zurück an den Ursprung.

Der Umkehrpunkt wird also nicht allein durch ein äußeres Hindernis bestimmt, sondern auch durch die eigene, innere (Gleichgewichts-)Verfassung, vielleicht auch die eigene Kraft/Stärke, in Bezug auf dieses Hindernis. Nicht alle Wellen, die an den Strand rollen, brechen am selben Maximalpunkt, er variiert je nach Wucht/Qualität der heranrollenden Welle.

Ein Bild aus der Natur, das für mich das reine Yang sehr klar ausdrückt, ist das einer Blüte, einer Rose: Yang ist der Moment der maximalen Entäußerung, der völligen Wendung nach Außen, die vollkommene Konfrontation mit dem Hindernis. Es ist der Moment höchst Kraftentfaltung – und zugleich höchster Zerbrechlichkeit.

Ihm folgt der Rückzug in den Ursprung. Die Welle kehrt ins Meer zurück, sinkt zurück, wir sinken, lassen los,  werden form(=Yang)-los, ziehen uns zurück in unser Zentrum: reines Yin. Und tief am Meeresgurnd sammelt sich die Welle, sammeln wir uns, sammeln Kraft.

Um uns dann erneut in Bewegung zu setzen, wieder dem Land zuzustreben, uns wieder zu ent-äußern.

Was gibt den Impuls? Darüber denke ich momentan nach.

Wenn wir uns in Bewegung setzen, wenn die Yang-Bewegung beginnt, reagieren wir damit auf unsere Umwelt? Und was bedeutet das, Umwelt? Spielt die Qualität der Umwelt tatsächlich überhaupt eine Rolle für unseren Handlungimpuls oder ist der allein in uns selbst begründet, in unserer eigenen inneren Verfassung, während die Welt, die Umwelt, die „Dinge“ an sich leer sind (siehe: Diamantsutra)?

Zum Diamantsutra (Wikipedia):

„Form ist Leerheit – Leerheit ist Form“: Der buddhistische Kerngedanke aus dem Herz-Sutra zieht sich (wenn auch nicht explizit) wie ein roter Faden auch durch das Diamant-Sutra. Nach der Lehre des Buddha existieren zwei Wirklichkeiten/zwei Wahrheiten: 1.) einerseits die Welt der Form, die Welt der sinnlich erfahrbaren Phänomene, die Welt der in Zeichen und Begriffen geronnenen trügerischen, da einseitigen, Wahrnehmungen und 2.) auf der anderen Seite: die Welt der Leerheit (Shunyata), die Welt der „Soheit“, eine Sphäre jenseits der Form, jenseits von Geburt und Tod, Anfang und Ende, Selbst und Nichtselbst, eine Welt jenseits aller Begriffe. Der Buddha wäre aber nicht der Buddha, wenn er sich darauf beschränkte, diese beiden Wirklichkeiten einander gegenüber zu stellen. Form und Leerheit sind letztlich eins, es gibt keine Dualität von Form und Nicht-Form – beide sind Ausdrucksformen ein und derselben Wirklichkeit, zwei Gesichter ein und der gleichen Welt.
Ein Gleichnis mag diesen Gedanken illustrieren: Eine Welle im Ozean ist nur scheinbar ein isoliertes, selbsthaftes Phänomen: sie ist Teil des Ozeans, geht aus ihm hervor. Die Welle besteht also letztlich ausschließlich aus Elementen, die Nicht-Welle sind (Form ist Leerheit). Trotzdem geht die Welle nicht völlig im Ozean auf, sie bleibt trotz ihres Eingebettet-Seins in den Ozean des Universellen eine Welle, ein individuell existentes Phänomen (Leerheit ist Form).