11 Februar 2008

... und der Karren Kultur II...

mehr Korrespondenz im selben Verteiler (11.02.08):

Liebe KollegInnen,

Danke für euer Feedback.

W.: "Deine Haltung: Da mach ich nicht mit! wird als solche nicht wahrgenommen" - ja, das stimmt, aber zumindest schont es meinen Geldbeutel. Ich hatte kürzlich so einen Fall, Ausstellung mit Versteigerung für Amnesty International. Ja, schöne Sache, aber irgendwann im Rahmen der Projektvorbereitung erfuhr ich von der organisierenden Kollegin, dass die ausgestellten Arbeiten zugunsten von ai versteigert würden - 50 % für ai, 50 % für mich. (War bisher nicht die Rede davon gewesen.) Ich... signalisierte mein Missfallen... wir lösten es diplomatisch, dass sich "die Jury für jemand anderen entschieden hätte." Gott-sei-Dank, denn:

Geht's noch? Warum lädt denn - im selben Raubritterstil - nicht der Fabrikbesitzer XY ein, dass ich in seiner Monatagehalle schufte, und zwar zu einem Stundenlohn, den er sich überlegt (sagenwirmal 4 Euro), und davon gehen 50 % an ai, und 50 % an mich... Genau das ist nämlich das Resultat von solchen "Aktionen für einen guten Zweck": die Kunstsammler bekommen Kunstwerke wirklich billig - zum selbstbestimmten Preis sozusagen, denn das Angebot übersteigt meist die Nachfrage - und fühlen sich dann auch noch großartig, denn er unterstützt ja auch noch einen gemeinnützige Organisation.

Aber wer zahlt eigentlich die Zeche? Wir Künstler.

Ich habe also nicht mitgemacht. Eine befreundete Kollegin (die es prestigemässig wirklich nicht nötig hätte, sich aber breitschlagen ließ) meinte resigniert: außer Spesen nix gewesen, im Klartext also draufgezahlt.

Ich spende also lieber direkt 100 Euro per Überweisung an ai, da habe ich weniger Action - und im Vergleich zur Versteigerungsgeschichte auch noch Geld gespart (Transport, Zeitaufwand, v. a. aber: MEINE KUNSTWERKE!!!). Eine Spendenquittung gibt?s obendrein. Und zwar AUF MEINEN NAMEN :-)).


Anyway, ja, Wolfram, hast recht. Keiner wird?s groß merken, wenn ich nicht mitmache. Aber im o. g. Fall war's mir auch wurscht. Hat mir Denkanstöße gegeben.

Ansonsten machen manche Ausstellungen ja auch Spaß, da mache ich gerne mit. Und leider, de facto, ist oft wirklich keine Kohle da. Kulturetats sind knapp und werden weiter gekürzt, wenn man wirklich den "Schuldigen" sucht, sind's... Politiker... die wir wieder selber wählen...

Vielleicht sollten wir das Ganze mal GANZ ANDERS anpacken... eine Alternative, die kein Geld kostet (aber ein wenig Hirnschmalz und Aufwand) aber ansehensmässig viel bringt: es gibt doch jetzt diese steuerrechtliche Neuregelung um gemeinnützige Arbeit zu fördern.

Lass uns Künstler doch unseren Aufwand für Kunst im öffentlichen Raum (öffentlich, den Bürgern frei zugängliche Kunst) Proforma-Rechnungen stellen und uns diese dann von den Veranstaltern (die ja oft gemeinnützige Vereine sind) als Spende quittieren.

Das Problem ist nämlich (auch), dass viele Künstler sich als Bittsteller verstehen - um Förderung bitten, um Honorare betteln - und sie doch nie bekommen, weil, s. oben, viele Kulturkassen wirklich leer sind.

De facto leisten wir aber sehr wohl einen Beitrag zum Gemeinwohl - wir Künstler sind sehr, sehr oft die Sponsoren öffentlich zugänglicher, zeitgenössischer Kunst. DESSEN MÜSSEN WIR UNS BEWUSST WERDEN - und so eine Spenden-Proforma-Rechnungen wäre doch ein guter Weg. Da stünde nämlich schwarz auf weiß, wie viel Leistung wir fürs Gemeinwohl erbracht haben - und gespendet.

Tatsächlich machen wir das ja die ganze Zeit schon, nur nimmt niemand Notiz, meist noch nicht einmal wir selbst.

Ums noch plakativer zu machen: Es ist so ähnlich, wie dass bei Müttern irgendwann auch "Erziehungszeiten" bei der Rente angerechnet wurden (da gab es einen Stichtag, eine Bundestagsentscheidung etc.). Da hat ein Bewusstseinswandel stattgefunden: dass die was tun, kein Geld kriegen, aber dass das sehr wichtig für unsere Gesellschaft ist.

So einen Bewusstseinswandel pro Anerkennung künstlerischer Arbeit brauchen wir.

Viele Grüße,
Karin

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