05 Februar 2008

"Bewegter Wind 2008" und der Karren Kultur...

aus einem Brief an Künstlerkollegen vom 5. Februar 08

Liebe KollegInnen,

ich habe mir in den letzen Monaten im stillen Kämmerlein recht ausführlich Gedanken gemacht zur Situation der Künstler in unserer Wirtschaftswelt. Eure Debatten um "Bewegten Wind" verfolgte ich mit Interesse. Mein persönliches Fazit zu letzterem ist: einfach ignorieren. Wenn professionelle Künstler solche Wettbewerbe ignorieren, wer reicht dann ein? Malende Hausfrauen, die sich mit einem Glas Prosecco in der Hand daran aufgeilen, auch endlich mal eine Vernissage zu haben?

Es sei ihnen vergönnt. Und die Ausschreiber.. na ja, wenn sie meinen, dass sie sich mit Amateurkunst einen prestigeträchtigen Gefallen tun... bitteschön.

Die Frage für mich ist tatsächlich, warum lassen sich Künstler immer wieder auf solche Deals ein?

Wir Künstler gelten zwar als Unternehmer, nur handeln die meisten nicht wirklich mit kühlem Kopf. Anders als andere unternehmerische Tätigkeiten verquicken sich beim Künstlertum Ware und Selbstwert auf eigentümliche Weise: der Markterfolg wird immer auch als persönlicher Erfolg gewertet und soll die tiefe Sehnsucht nach Geliebt-Sein zu stillen. Scheitern bedeutet die über jede Unternehmenspleite hinaus: persönliche Niederlage... Die Achillesferse des Konstruktes ist die Therapiefunktion, die Kunst für so manchen Künstler hat: er will geliebt werden, und dieses Versprechen von Aufmerksamkeit ist die Mohrrübe, mit der der Karren der "Kultur" für die Nutznießer kostenfrei durch die Lande gezogen wird. (teilweise zitiert aus meinem Text: http://www.soika.com/links/archiv/texte/08d_wasistkunst.htm )

Es gab mal eine wichtigen Wendepunkt in der Kunstgeschichte: die Abkehr der Künstler von ihren Auftraggebern: der Kirche, den Fürsten etc. Was ist davon geblieben? Wenn ich mich beim Arbeiten danach richten muss, was die Jury gerne hätte, nur damit ich einen Preis bekomme, wie frei bin ich dann?

Der Abkehr der Künstler von den Auftraggebern war wichtig: denn (für mich) begann erst da die KUNST.

Und so will ich es denn halten, meine Kunst schaffen, und die Kohle, ach ja, die erjobbe ich mir anderweitig. Bloß: mit meinem Geld öffentliche Kunstevents finanzieren (wie es eine Teilnahme bei "Bewegter Wind" vorsieht), das spare ich mir gewiss.

Wer hat also einen Nachteil, wenn ich mein eigenes Kunstding mache? Die kunstinteressierte Öffentlichkeit, Städte und Kommunen, Unternehmen, die sich alle gerne mit (für sie) kostenfreie (oder unternehmensdeutsch: kostenneutrale!) Kunst schmücken.

Ach ja, wenn die Künstler geschlossen den Karotten der schönrednerischer Bauchpinselei und des Schulterklopfens den Rücken kehren würden, ja dann... würde die Öffentlich schnell kapieren, was wir momentan so alles "kostenneutral" leisten...

Letztendlich mündet mein Vorschlag also in einen Streikaufruf - ein Gewerkschaftern eigentlich nahestehendes Thema, mit dem ich bei Künstler aber durch die Bank auf (verneinendes) Kopfschütteln und Ablehnung stosse (wie z. B. auf meinen Vorschlag hin, den Kunstpavillon in München (www.kunstpavillon.org) als Ausstellungsort zuzusperren und stattdessen als Ort des Kunstschaffens (also: gemeinsames Atelier) zu nutzen).

Warum sind Künstler gegen solch drastische Vorschläge? Weil Streik bedeutet, dass uns keiner wohlwollend auf die Schulter klopft und uns für unser Engagement lobt?

Na, dann machen wir doch einfach weiter so wie bisher!

Viele Grüße aus München,
Karin Soika

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