29 Juni 2007

Der Narr als Betriebswirt

"... Nach jahrelangem Gerede über "public diplomacy" und Exportförderung durch Kultur ist nun endlich wider von der Kultur selbst die Rede, vom Umgang mit der Tradition und von der Bedeutung eines langfristigen Engagements..."
 
"Das Gegenteil von Beständigkeit ist die permanente Bewegung. Ihr dient das "Projekt". Das Gesetz der permanenten Bewegung ist eine offenen Einladung an den Narren, sich mit seinen Einfällen in einer Einrichtung breitzumachen, die bis zu seinem Eintreffen eine Institution allenfalls war..."
(beides aus der Süddeutschen Zeitung vom 27.06.07: Feuilleton, Seite 11, Thomas Steinfeld)
 
Ich spinne meinen Gedanken von "Ist Kunst Luxus?" weiter... Erster Entschluss: ich werde meine öffentliche Ausstellungstätigkeit reduzieren, denn ich sehe mich als KulturSCHAFFENDE und nicht als KulturFÖRDERNDE, die ich ja dann immer bin, wenn ich aus meinem Privatvermögen öffentliche Ausstellungen sponsore.
 
Ich glaube, diese Unart, alles nur noch nach Wirtschaftlichkeit zu beurteilen (im Artikel geht es darum, dass das Goethe-Institut gerade von einer Unternehmensberatungsgesellschaft ge-streamlined wird und die Gefahr besteht, dass es vor lauter Einsparungen irgendewann seinem Auftrag, nämlich die deutsche Kultur im Ausland zu präsentieren, nicht mehr gerecht werden kann), ist eine Sichtweise, die kulturellen Dingen überhaupt nicht gerecht wird.
 
Ich schaffe Kunst. Aber Kunst ist keine "Ware". Ich "stelle keine Kunst her". um sie dann zu "verkaufen", so wie ein Bauer seine Kartoffeln auf dem Markt verkauft. Ich schaffe Kunst als Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit der Welt.
 
Klar, heraus kommt ein "Bild", ein materielles "Ding", das sehr wohl handelbar ist, wie man an den Ergebnissen von Kunstauktionen sehen kann.
 
Aber neben der Materialität gibt es auch einen ideellen Inhalt – und der ist mit dem Instrumentarium der Betriebswirtschaft nicht greifbar. Ein Museum macht eine Ausstellung, die Kosten verursacht. Diese werden gegen die verkauften Eintrittskarten aufgerechnet. Resultat ist eine positive oder eine negative Bilanz. Aber das Museum hat dennoch etwas geschaffen, was betriebswirtschaftlich  nicht erfassbar ist.
 
WAS?
 
Kunst ist Nahrung für die Seele. Kunst ist wie... Vitamine im Essen. Vitaminlose Kost füllt den Magen ebenfalls, aber langfristig wird der Körper krank. Die klapperdürren Kinder Afrikas mit ihren aufgedunsenen Bäuchen. Unser Volk wird krank, wenn wir nur noch auf Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit schauen. Unser Volk wird dickbäuchiger und dickbäuchiger... mit dickbäuchigen Seelen. mit klapperdürren Seelenarmen...
 
Kunst ist mehr als einfach nur "nett anzuschauende Bildchen". Kunst hat mit tiefen Gedanken zu tun, mit Schöpfen, mit Erschaffen. Mit Ernsthaftigkeit. Mit kontinuierlichem Bemühen. Kunst hat mit Aussage zu tun.
 
Die Aussage im Kunstwerk, das ist sein Vitamin. Und diese Vitamine werden unter dem Diktat von Wirtschaftlichkeit ausgespart...
 
Wir nähren uns heute von der Kunst, die die Generationen vor uns geschaffen haben. 


12 Juni 2007

Luz en la Casa del Rey. oder: ist Kunst Luxus?

Der nachfolgende Text entstand im Rahmen des Projekts "Open Studio im Kunstpavillon München".

Kunst und Luxus I: Wem gehört die Kunst?

Luz en la Casa del Rey ist ein Spiel mit den Worten. Rey bedeutet „König" und der König ist Synonym für Oberschicht, eine herrschende Klasse, die oberen Zehntausend. Und wenn es licht (spanisch = luz, lateinisch = lux) ist im Hause des Königs, dann liegen die Häuser des Volkes wohl im…. Dunkeln?

Vom lateinischen lux leitet sich auch unser Luxus ab – was konsequent ist, denn das Haus des Königs impliziert neben Lichtheit auch Reichtum und eben Luxus.

Wohin gehört da wohl die Kunst - ist „Kunst [ist] Luxus" – oder ist „Kunst [ist] kein Luxus"? Letzteres steht zumindest in Leuchtschrift über der Eingangstüre des Pavillons, in gewisser Weise auch ein „Königshäuserl", denn es war Hannes König, der nach dem zweiten Weltkrieg die Restaurierung des Pavillons im Alten Botanischen Garten initiierte und dem wir es heute zu verdanken haben, dass uns dieser Ausstellungsort zur Verfügung steht.

In einer Publikation anlässlich der 100jährigen Fertigstellung des Glaspalastes, dem zerstörten Vorgänger des Kunstpavillons, schreibt König: „Im Pavillon Alter Botanischer Garten können Sie in Ausstellungen, die das ganze Jahr über gezeigt werden, Werke der Malerei, Graphik und Plastik sehen. Der freie Eintritt ermöglicht einen mehrmaligen Besuch und erleichtert Ihnen die Wahl, wenn Sie eventuell einen Kauf beabsichtigen…" Das Luxusprodukt Kunst wird hier zugänglich und das Angebot wendet sich in einer Art Gegenentwurf zu Kunstmarkt, Oberligakunst und astronomischen Auktionsergebnissen, direkt an die Bevölkerung.

Licht im Hause des Königs – und Licht in den Häusern des Volkes!

Kunst und Luxus II: Produzenten

Wer glaubt, dass die Bereitstellung von Ausstellungsraum (wie z. B. im Kunstpavillon) bereits „Künstlerförderung" sei, täuscht sich - obwohl diese Vorstellung immer noch in vielen Köpfen festsitzt. Tatsächlich ist Ausstellungstätigkeit für die meisten Künstler eher eine Art Luxus, denn ganz offensichtlich hat das Geschäftsmodell „Ausstellung" für Produzenten längst ausgedient. Heute passiert es kaum noch, dass ein Kunstliebhaber spontan zum Förderer mutiert und es dem Künstler durch einen Ankauf ermöglicht, kostendeckend zu arbeiten oder gar seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

De facto ist es heute eher so, dass Ausstellungstätigkeit für Kunstschaffende statt Einnahmen zu bescheren Geld, Zeit und Energie kostet und unterm Strich meist ein Verlustgeschäft bedeutet, das bestenfalls unter „Werbungskosten" verbucht werden kann.

Für uns Künstler im Gremium „Kunstpavillon e. V." bedeutet der Betrieb des Pavillons ferner, dass wir Arbeit leisten, für die wir anderorts bezahlt würden: organisatorische Verantwortung, unentgeltliche Büro- und Administrationstätigkeit. (Eine Bemerkung am Rande, die die Skurrilität der Situation zeigt: Künstler A, etwas frustriert über die sporadische Jurytätigkeit und gehäufte administrative Arbeit im Pavillon: „Eigentlich könnte das jeder (also auch ein Nicht-Künstler) tun." Künstler B: „Ja, aber keiner tut's unentgeltlich. Nur wir.")

Kunst und Luxus III: Wer fördert wen?

Wenn der Pavillonbetrieb also keine Künstler fördert, sondern sie zeitlich und finanziell sogar noch zusätzlich belastet, wen fördert er dann? Es bleiben: die Münchener Bürger, die Besucher des Pavillons, und das seit ein paar Monaten sogar wieder bei freiem Eintritt.

Der Pavillon fördert also das kunstsinnige Publikum, indem er zeitgenössische Kunst zugänglich macht.

Das ist sehr lobenswert und wird zunächst einmal durch die Landeshauptstadt München ermöglicht, die die Betriebskosten des Gebäudes finanziert; dann durch all die Künstlerkollegen, die die organisatorische und administrative Bürde unentgeltlich und aus Idealismus tragen; vor allem aber dank all der Künstler, die schöpferisch tätig sind, ihre Arbeit quasi ohne nennenswerte Förderung von außen selbst finanzieren und die entstandenen Werke dem interessierten Publikum gerne bereitwillig und auf eigene Kosten zeigen.

Den Begriff Kunstmäzenatentum verbindet man gewöhnlich mit Stiftungen und großzügige kulturelle Förderung. Tatsächlich aber sind es vor allem künstlerische Eigenleistung und der finanzielle sowie zeitliche Einsatz von Künstlerinnen und Künstlern, die Kunst für ein breites Publikum erfahr- und erlebbar machen.

Es geht mir an dieser Stelle weniger um das bekannte Lamento, dass Künstler ohne Auftrag und meist unentgeltlich arbeiten (obwohl man dies kritisch sehen muss, denn es treibt viele Jahr um Jahr tiefer in finanziell bedenkliche Situationen). Ich würde mir ganz einfach wünschen, dass Künstlerinnen und Künstler für ihre gesellschaftliche Leistung Anerkennung erfahren – welcher Art auch immer.

KUNST IST (K)EIN LUXUS!