Buchhaltungsprobleme
Kunst ist gesellschaftlich wichtig. Diese Wichtigkeit ist jedoch nur beschreibbar, nicht aber buchhalterische messbar. So sieht man Kunstwerke auch als eine Art Ware, mit der man – falls man geschickt investiert und früh genug einsteigt – riesige Spekulationsgewinne machen kann.
So werden alle Dinge in letzter Zeit nur noch nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewertet und entsprechend gefördert bzw. vernachlässigt. Und darunter ist manches, das man eigentlich (und dieses eigentlich ist Resultat eines gesunden Menschenverstandes bzw. humanistischen Weltbildes) niemals nach Wirtschaftlichkeit (wobei es auch wieder nur um die kurzfristige Gewinnmaximierung einzelner geht) bewerten werden dürften:
- Medizin (Prosperierende Pharma- und Medizinlobby vs. siechendes Volk)
- Kunst (Explodierende Auktionsergebnisse vs. künstlerisches Durchschnittseinkommen um die 500 Euro monatlich)
- Grundlagenforschung (strahlende Bilanzergebnisse vs. Kürzung der Forschungsgeldern) etc.
Budgetkürungen zugunsten kurzfristige Gewinnmaximierung zehren immer von früher geleisteten Investitionen. Deswegen ist ihre Schädlichkeit erst schleppend – oft nach Jahrszehnten - erkennbar und wird von den ehemaligen Weichenstellern (die längst nicht mehr in Entscheidungspositionen sind) als tatsächliche Ursachen meist schlichtweg geleugnet.
Bei Kunst und Kultur funktioniert das z. B. so: die Budgets für Kultur werden gekürzt. Die Künstler machen – ihrer inneren Berufung folgend und entgegen persönlicher Vernunft - trotzdem weiter und stopfen die Lücken aus ihren eigenen Mitteln. Erst wenn sie total verarmt sind, und ihre Aktivitäten einstellen müssen, wird das Fehlen kultureller Aktivität bemerkt.
Auch Forschungsgelder wurden und werden reduziert (und in der Folge steigen die Bilanzgewinne), irgendwann ist jedoch der Innovationsvorsprung aufgebraucht und das Unternehmen fällt zurück.
Investitionen in Wissen (und auch Kultur ist Wissen) sind Kostenfaktoren, deren Nutzen ungewiss ist. Nicht alle geförderten Unternehmungen werden von Erfolg gekrönt sein. Nicht alle indischen Patenkinder werden Medizin studieren und zu einer tragenden Säule in ihren Communities werden.
Soll man deswegen von Patenschaften Abstand nehmen? Übernimmt man eine Patenschaft eigentlich nur aus dem Grund, weil man hofft, eines Tages sagen zu können: "Ja, MEIN Patenkind hat Medizin studiert!" Dann wäre das so eine Art Lotterie, an deren Ende die reelle Selbstbeweihräucherung steht.
Kunstförderung, Wissenschaftsförderung, Patenschaften - all das sind Handlungen von Individuen, die sich ihrer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind und denen die Wichtigkeit von kontinuierlicher Förderung klar ist.
Projektbezogene Förderung ("Du, Wissenschaftler, erfind mir mal etwas!", "Du, Kind, ich habe dich ausgewählt, und du studierst gefälligst Medizin!") ist eine Instrumentalisierung des Geförderten.
Was ist überhaupt: erfolgreiche Förderung? Wenn es ein verwertbares Ergebnis gibt? Ob das Patenkind jetzt Medizin oder Jura studiert, anstatt "nur" Bauer zu werden? Grundlagenforschung ist Grundlagenforschung, deren Teilergebnisse möglicherweise ohne unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen sind, aber die vielleicht später und in einem anderen Zusammenhang zum Dreh- und Angelpunkt für etwas bahnbrechend Neues werden.
Anders gesagt: kann der Förderer wirklich planen, was er tut? Kann er es wissen (ist es seine Aufgabe, es zu wissen?) Ist er Gott um im Vorhinein zu entscheiden, WAS fördernswert ist?
Kunstförderung, Patenschaften, wissenschaftliche Grundlagenforschung – all das sind keine auf kurzfristige Gewinne angelegte Engagements, sondern Investitionen, die den Humus, die Lebensgrundlage für die nächsten Generationen bilden werden.
Oder, wenn man den Gedanken umdreht: wir vermeiden heute Investitionen um den Bilanzgewinn am Jahresende zu steigern, während wir selbst noch von den Investitionen in Wissen und Kultur unserer Vorväter zehren. Auf diese Weise hinterlassen unseren Nachkommen keinen Humus. Bald wird der, den wir noch haben, der Humus aus Wissen und Kultur, aufgebraucht sein, und unsere Nachkommenschaft dann keine Nahrung mehr finden. Unsere Gewinngeilheit ist der Grund für das Sterben unseres Volkes.


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